Dan Sartain – Man mag ihn oder man mag ihn nicht. Er selber will kein Rockabilly sein und dennoch lebt der hagere Kerl aus Birmingham / Alabama den Rock n Roll. Ja auch wenn er sich gerne dagegen wehrt, er ist ein Outlaw – Dafür, dass er nach der neunten Klasse die High School schmiss und sich jahrelang als Tellerwäscher, Nachtwächter und Tankstellenwart durchschlug, hat es der charmante Greaser-Boy weit gebracht. Mit mittlerweile fünf Alben besetzt der 28-jährige Gitarrist und Sänger, den das Arte-Musikmagazin „Tracks“ vor zwei Jahren treffend als „Punkrock-James-Dean“ bezeichnete, längst eine eigene musikalische Nische. Dem amerikanischen „Rolling Stone“ sagte der notorisch maulfaule Lederjackenträger vor einiger Zeit, seine Musik klinge, als sei ein Acid verstrahlter Chris Isaak an das Starterkabel eines Pick-Up-Trucks angeschlossen worden. Bei Sartain mischt sich skurrile Western-Lyrik über hinterhältige Kobras, schüchterne Mädchen und rauchende Colts mit dem halb-akustischen Gitarren-Sound der 50er-Jahre-Legende Eddie Cochran, der ungestümen Energie von The Clash und dem Outlaw-Selbstverständnis des Wu-Tang Clan. Dieses eigenwillige Gebräu brachte Sartain in den vergangenen Jahren eine treu ergebene Anhängerschaft ein, zu der zahlreiche Berühmtheiten wie Jack White, The Hives und die Berliner Beatsteaks zählen.
Von jeder jungen Band aus London, die etwas auf sich hält, würde man bei einem Durchschnittsalter von sechzehn Jahren eher erwarten, dass sie viel Zeit damit verbringt, von irgendwelchen Blogs die neuesten Remixe auf ihre iPhones zu laden, anstatt ihre eigenen Melodien auf Schallplatten mit 78 Umdrehungen zu schneiden. Doch die aus zwei Schwestern und einem Bruder bestehenden Rock’n'Roll-Enthusiasten Kitty, Daisy & Lewis sind eben keine gewöhnliche Band.
Die drei Geschwister mit Nachnamen Durham – nun fünfzehn, achtzehn und siebzehn Jahre alt - waren zum ersten Mal bei einer Country & Rockabilly-Jam-Session in einem Pub in Nordlondon gemeinsam auf einer Live-Bühne gestanden. Fünf Jahre später hat jenes junge Familienunternehmen, das von allem besessen ist, was mit den Fünfziger Jahren zu tun hat (die Musik, die Mode, die Technik…) dank massiver Mundpropaganda eine beachtlich gewachsene Fangemeinde aufbauen können, was sowohl ihren frenetisch gefeierten Club-Gigs als auch spektakulären Festivalauftritten – wie dem viel beachteten „Underage Festival“ letzten August im Londoner Victoriapark – zu verdanken ist.
Aufgenommen wurde das Album von Lewis und Graeme in ihrem Heimstudio in Kentish Town auf altehrwürdig analoge Weise, bei der kein bisschen Digitaltechnik zum Einsatz kam. Lewis will die Musik, mit der sich seine Schwestern und er fortwährend beschäftigen, mit aller Leidenschaft leben und atmen. Und deshalb sind für ihn 78rpm-Scheiben – besser bekannt als „Schellackplatten“, welche auch nach der Einführung von PVC als Herstellungs-material bis in die Sechziger Jahre hinein fabriziert wurden – weit mehr als nur begehrte Sammelobjekte, die er als DJ regelmäßig zum Einsatz bringt: für Lewis bleibt die Schellackplatte, dessen Fertigungstechnik er sich autodidaktisch angeeignet hat, das ultimative Rock’n'Roll-Format. Und so zeichnet er fürs Cutting der 10“- Ausgabe der neuesten Kitty, Daisy & Lewis-Single „Going Up The Country“, die tatsächlich auf 78 Umdrehungen läuft, selbst verantwortlich. Der selige Schellack-Platten-Fan und White-Stripes-Entdecker John Peel hätte seine Freude an dem Geschwister-Trio gehabt!
Doch das Debüt von Kitty, Daisy & Lewis ist alles andere als eine trockene Übung in Rückwärtsgewandtheit. Vielmehr schwingt es mit einer Leidenschaft, Intensität und überschwänglicher Lebensfreude, die ihre Live-Shows zu den großartigsten und unschuldigsten Vergnügungen machen, die es gerade in England zu sehen gibt. Und wenn man bedenkt, dass dieses Album immer nur in den freien Stunden aufgenommen werden konnte, wenn bei den dreien mal keine Schul- und Uni-Verpflichtungen anstanden …